| WOLFRAMS-ESCHENBACH(msr) – Beim Museumsgespräch 2009 referierte der Vorsitzende des Heimatvereins, Oskar Geidner, anschaulich und detailliert über den Prozess der Säkularisation des Deutschen Ordens. Die Wolframs-Eschenbacher Altstadt verdankt ihr bis heute prächtig erhaltenes Aussehen der über 600 Jahre andauernden Herrschaft des Deutschen Ordens mit seiner regen Bautätigkeit. Das Zentrum der Altstadt – die ehemalige Fürstenherberge, die Vogtei (heute Gasthaus „Alte Vogtei“), das Deutschordensschloss und der Zehntstadel – entstand im 16. und 17. Jahrhundert. Die Säkularisation sei ein längerer Prozess gewesen, der bereits 1789 mit dem Inkorporationsvertrag zwischen dem Hochmeistertum und der Ballei Franken (die Provinz eines Ritterordens, in diesem Fall des Deutschen Ordens) seinen Anfang genommen und schließlich im Jahr 1809 seinen Abschluss gefunden habe, so Geidner. Der Vorsitzende des Heimatvereins erklärte die verwirrende Gesellschaftsordnung innerhalb des Deutschen Reiches im 18. Jahrhundert an grotesk anmutenden Beispielen der diversen Untertanenschaft selbst innerhalb manch eines kleinen Dorfes. Die Eingliederung der Provinz Ansbach- Bayreuth in das preußische Staatsgebiet durch Bemühungen Karl Augusts von Hardenberg schuf dann andere Verhältnisse. Geidner ging dabei speziell auf die Haltung des zu der Zeit amtierenden Eschenbacher Vogts Baptist Tonle ein, der der letzte Vogt sein sollte. Das wirkliche Ende einer Ära in Eschenbach kam aber erst einige Jahre später, als die preußischen Gebiete in Franken an das Königreich Bayern kamen. So mussten am 12. Juni 1806 auch die Eschenbacher ihren Eid auf den bayerischen König ablegen. Am 24. April 1809 hatte Kaiser Napoleon den Deutschen Orden auflösen lassen, was in Eschenbach dramatische Folgen hatte. Es gab ein Überangebot sozusagen herrenlos gewordener Immobilien. Das Deutschordensschlösschen zum Beispiel wurde 1813 zum Schleuderpreis versteigert und wechselte innerhalb weniger Jahre dreimal den Besitzer. Weniger begehrt war der Zehntstadel, ihn konnte 1852 die Stadt erwerben. „Wir hatten in dieser Entwicklung Glück im Unglück“, meint Oskar Geidner, „denn es hätte auch alles abgerissen werden können.“ Der letzte Vogt war nach dem Ende der Deutschordensherrschaft noch bis 1811 im Amt und kümmerte sich um die Abwicklungen. „Ohne die Pfründestiftung hätten Stadt und Wirtschaft das Ende des Deutschen Ordens nicht überlebt“, betonte Geidner. Den Dreißigjährigen Krieg und andere Krisenzeiten hatten die Deutschordensherren durch kluges Agieren und auch einiges Glück über Jahrhunderte immer wieder ausgleichen können, doch eine „Strukturkrise“ der Region wurde schließlich zum Verhängnis für die Blütezeit des Ortes: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die alte Handelsroute von Nürnberg nach Stuttgart, die über Jahrhunderte durch Eschenbach geführt und Wohlstand und Blüte gebracht hatte, von einer Verbindungsroute von Ansbach nach Nürnberg abgelöst worden (die heutige B 14). „Eschenbach lag nun abseits der ‚großen Welt‘ und hat den Anschluss trotz einiger Maßnahmen auch nicht mehr geschafft“, fasste Geidner zusammen. Durch den teilweisen Zusammenbruch der örtlichen Infrastruktur, von dem sich das Städtchen lange Zeit nicht erholte, kam es im 19. Jahrhundert als Spätfolge zu einem Exodus. Gut 100 Personen – das waren nicht weniger als zehn Prozent der damaligen Bevölkerungszahl – wanderten nach Amerika aus in der Hoffnung auf eine bessere Lebensgrundlage. „Heute zehren wir noch davon, dass wir einmal wer gewesen sind, und vergessen doch auch nicht das Positive, das die Entwicklung Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts mit sich brachte: Unser historischer Ortskern aus der Zeit der Deutschordensherrschaft blieb praktisch unbeschadet erhalten“, so Geidners Fazit. Weitere Informationen über die Stadtgeschichte und die Deutschordensherrschaft finden sich in den Büchern „Wolframs-Eschenbach – Der Deutsche Orden baut eine Stadt“ von Oskar Geidner und Dr. Erwin Seitz aus dem Jahr 1997 (ISBN 3-87707510-X) und „Wolframs-Eschenbach wird Stadt“ von Dr. Erwin Seitz (ISBN 978-3-9812742-2-6), das erst kürzlich erschienen ist (wir berichteten) und sich mit der frühen Geschichte der Stadt auseinandersetzt. Beide Bücher sind im Bürgerladen der Stadt Wolframs- Eschenbach erhältlich. |